Die Republik Litauen zwischen 1918 und 1940
Am 16. Februar 1918 erklärte der Rat Litauens die Wiederherstellung eines unabhängigen Staates, doch daraus entstand erst Schritt für Schritt eine handlungsfähige Republik. Vilnius blieb zunächst außerhalb der tatsächlichen litauischen Verwaltung, während Kaunas als provisorische Hauptstadt politische und kulturelle Aufgaben übernahm. Verfassung, Währung und ein gewähltes Parlament gaben dem Land in den 1920er-Jahren eigene Institutionen; 1926 veränderte ein Staatsstreich die politische Ordnung. 1939 verschärften der Verlust des Memelgebiets und sowjetischer Militärdruck die Lage, bevor die Besetzung vom 15. Juni 1940 die erste Republik beendete.
Kurzfakten
- Am 16. Februar 1918 rief der Rat Litauens die Wiederherstellung eines unabhängigen demokratischen Staates mit Vilnius als Hauptstadt aus.
- Der Friedensvertrag mit Sowjetrussland vom 12. Juli 1920 erkannte Litauens Unabhängigkeit an; polnische Truppen besetzten Vilnius am 9. Oktober desselben Jahres.
- Die ersten landesweiten Wahlen fanden 1920 statt. Die verfassungsgebende Versammlung trat in Kaunas zusammen.
- Am 1. August 1922 erhielt Litauen eine dauerhafte Verfassung; im selben Jahr wurde der Litas als Währung eingeführt.
- Nach dem Aufstand im Januar 1923 kam das Memelgebiet mit Klaipėda unter litauische Kontrolle und erhielt 1924 autonome Rechte.
- Der Staatsstreich vom 17. Dezember 1926 beendete die parlamentarische Demokratie; 1927 wurde das Parlament aufgelöst.
- Im März 1939 musste Litauen das Memelgebiet an Deutschland abtreten. Im Oktober kam Vilnius durch einen Vertrag mit der Sowjetunion zurück, der zugleich sowjetische Militärstützpunkte vorsah.
- Am 15. Juni 1940 besetzte die Sowjetunion Litauen. Damit endete die erste unabhängige Republik.
Von der Erklärung von 1918 zum eigenen Staat
Der Litauische Rat verkündete am 16. Februar 1918 die Wiederherstellung eines unabhängigen demokratischen Staates. Das Land stand damals noch unter deutscher Besatzung. Die Erklärung bestimmte Vilnius zur Hauptstadt und überließ die endgültige Ausgestaltung der Staatsordnung einer demokratisch gewählten verfassungsgebenden Versammlung. Der Wortlaut des Unabhängigkeitsakts beim litauischen Parlament gibt die Erklärung wieder und erläutert ihren politischen Rahmen.
Eine Proklamation allein schuf noch keine stabile Verwaltung. In den folgenden Jahren mussten Litauens politische Vertreter Behörden einrichten und den Handlungsspielraum des neuen Staates in einer umkämpften Region behaupten. Der Friedensvertrag mit Sowjetrussland vom Juli 1920 war ein wichtiger diplomatischer Schritt: Russland erkannte Litauens Unabhängigkeit an. Doch die tatsächlichen Grenzen und die Kontrolle über einzelne Gebiete blieben umstritten. Die Vorgeschichte reicht weiter zurück: Die Union von Lublin verband Polen und Litauen in einem gemeinsamen Staat, dessen Teilungen die politische Landkarte vor der russischen Herrschaft veränderten. Die Geschichte des Landes unter russischer Herrschaft vor 1918 zeigt, wie tiefgreifend sich politische Zugehörigkeiten schon zuvor verändert hatten.
Kaunas, Vilnius und die parlamentarische Republik
Vilnius galt in der Unabhängigkeitserklärung als Hauptstadt, lag aber nach der Besetzung vom 9. Oktober 1920 außerhalb der litauischen Verwaltung. Die Regierung arbeitete deshalb in Kaunas, wohin staatliche Einrichtungen bereits 1919 verlegt worden waren. Kaunas war nicht einfach eine endgültige Ersatzhauptstadt, sondern das politische Zentrum einer Republik, die ihren Anspruch auf Vilnius nicht aufgab. Für Besucher lässt sich diese Epoche mit einem Rundgang zu den Sehenswürdigkeiten in Kaunas und ihrer Stadtentwicklung verbinden; auch die historischen Orte in Vilnius machen verständlich, warum die Stadt für beide Seiten so wichtig war.
Die verfassungsgebende Versammlung, auf Litauisch Seimas genannt, trat 1920 in Kaunas zusammen. In den ersten Jahren der Republik wurde das Land durch mehrere gewählte Parlamente geprägt. Am 1. August 1922 verabschiedete die Versammlung eine dauerhafte Verfassung; sie legte die Institutionen des Staates fest und begrenzte die Macht der Exekutive. Im selben Jahr führte Litauen den Litas ein. Eine eigene Währung und eine verfassungsmäßige Ordnung machten die staatliche Selbstständigkeit im täglichen Leben sichtbar, von öffentlichen Behörden bis zum Handel.
Die Republik war zudem keine gesellschaftlich einheitliche Nation. Neben der litauischsprachigen Mehrheit lebten jüdische, polnische, deutschsprachige und weitere Gemeinschaften im Land. Die Parlamente der Zeit spiegelten unterschiedliche politische Interessen wider und schlossen auch Vertreter von Minderheiten ein. Für ein vertieftes Bild jüdischer Gemeinden, ihrer Kultur und ihrer Geschichte bietet sich der Überblick zur jüdischen Geschichte in Litauen an. Wer historische Orte und Sammlungen in verschiedenen Regionen besuchen möchte, findet ergänzende Orientierung bei den Museen in Litauen.
Klaipėda und die Grenzen der Republik
Während Litauen um Vilnius rang, eröffnete sich im Westen eine andere Möglichkeit: der Zugang zur Ostsee über das Memelgebiet. Im Januar 1923 kam es dort zu einem Aufstand, nach dem litauische Kräfte die Kontrolle über die Region und die Hafenstadt Klaipėda übernahmen. Die internationale Vereinbarung von 1924 bestätigte den Anschluss an Litauen, räumte dem Gebiet aber besondere autonome Rechte ein. Klaipėda war damit Teil des Staates, besaß jedoch eigene regionale Institutionen. Die Altstadt und Sehenswürdigkeiten in Klaipėda lassen heute die Lage und die wechselnden kulturellen Einflüsse dieser Hafenstadt erkunden.
Die neue Ordnung blieb nicht dauerhaft bestehen. Im März 1939 verlangte Deutschland die Abtretung des Memelgebiets; nach dem Vertrag vom 22. März marschierten deutsche Truppen am folgenden Tag ein. Wenige Monate später änderte sich die Lage im Osten erneut. Am 10. Oktober 1939 schloss Litauen mit der Sowjetunion einen sogenannten gegenseitigen Beistandspakt. Litauen erhielt dadurch die Stadt Vilnius und Teile des umliegenden Gebiets zurück, musste aber sowjetische Truppen im Land zulassen. Die litauische Armee zog am 28. Oktober in Vilnius ein. Der Zugewinn der lange beanspruchten Hauptstadt bedeutete somit keine uneingeschränkte Wiederherstellung staatlicher Souveränität.
Der Einschnitt von 1926 und das Ende der Republik
Die demokratische Entwicklung der 1920er-Jahre war nicht geradlinig. Am 17. Dezember 1926 stürzte ein Militärputsch die gewählte Regierung. Präsident Kazys Grinius musste zurücktreten; Antanas Smetona übernahm die Präsidentschaft und regierte in zunehmend autoritärer Form. 1927 wurde der Seimas aufgelöst. Neue Wahlen fanden erst 1936 statt, und die Befugnisse des späteren Parlaments waren stark eingeschränkt. Die Verfassung von 1928 stärkte zusätzlich die Stellung des Präsidenten. Wer die Republik beurteilt, sollte daher zwischen dem demokratischen Parlamentarismus der Jahre 1920 bis 1926 und dem autoritären Staat danach unterscheiden.
Am 15. Juni 1940 besetzte die Sowjetunion Litauen. Damit endete die erste unabhängige Republik als handlungsfähiger Staat. Die folgenden Besatzungsregime, der Widerstand und die Wiederherstellung der Eigenstaatlichkeit 1990 gehören zu einem anderen Abschnitt der litauischen Geschichte von Besatzung und wiedererlangter Unabhängigkeit. Für die Jahre 1918 bis 1940 bleibt das zentrale Bild zweigeteilt: Litauen errichtete in kurzer Zeit eigene Institutionen und entwickelte ein vielfältiges öffentliches Leben, musste jedoch mit ungelösten Grenzfragen und wachsendem Druck seiner Nachbarn umgehen.
Häufige Fragen zur Republik Litauen 1918–1940
Wann erklärte Litauen seine Unabhängigkeit?
Der Litauische Rat unterzeichnete am 16. Februar 1918 die Erklärung zur Wiederherstellung eines unabhängigen demokratischen Staates. Die praktische Einrichtung staatlicher Institutionen entwickelte sich in den folgenden Jahren weiter.
Warum war Kaunas die provisorische Hauptstadt?
Litauische Behörden konnten Vilnius nach der polnischen Besetzung im Oktober 1920 nicht verwalten. Die Regierung arbeitete deshalb in Kaunas, wo sich zentrale Einrichtungen bereits seit 1919 befanden.
Wann erhielt Litauen seine Verfassung und eine eigene Währung?
Die verfassungsgebende Versammlung verabschiedete am 1. August 1922 eine dauerhafte Verfassung. Im selben Jahr wurde der Litas eingeführt.
Wie veränderten sich die Grenzen in den 1920er- und 1930er-Jahren?
Vilnius blieb ab Oktober 1920 unter polnischer Kontrolle, während Klaipėda 1923 unter litauische Kontrolle kam und 1924 autonome Rechte erhielt. 1939 musste Litauen Klaipėda an Deutschland abtreten; im selben Jahr kam Vilnius im Zusammenhang mit einem Vertrag mit der Sowjetunion zurück.
Wann endete die erste Republik Litauen?
Die Sowjetunion besetzte Litauen am 15. Juni 1940. Die Besetzung beendete die erste unabhängige Republik; die anschließende Eingliederung in die UdSSR und spätere Besatzungszeit werden gesondert behandelt.