Zum Inhalt

Besatzung, Widerstand und Litauens wiedererlangte Unabhängigkeit

Am 15. Juni 1940 besetzte die Sowjetunion Litauen; auf die deutsche Besatzung von 1941 bis 1944 folgte ab 1944 eine zweite sowjetische Herrschaft. Deportationen, politische Verfolgung und der Holocaust zerstörten Leben und Gemeinden, während bewaffnete Partisanen und ziviler Widerstand die sowjetische Kontrolle herausforderten. Mit der Reformbewegung Sąjūdis, dem Baltischen Weg von 1989 und dem Parlamentsbeschluss vom 11. März 1990 wurde die Wiederherstellung der Unabhängigkeit vorbereitet und erklärt. Die sowjetische Militärgewalt vom Januar 1991 nahm Litauen seine Freiheit nicht zurück; im September wurde das Land Mitglied der Vereinten Nationen.

Kurzfakten

  • Am 15. Juni 1940 begann die sowjetische Besetzung Litauens; die Staatlichkeit wurde anschließend in das sowjetische System eingegliedert.
  • Am 14. Juni 1941 begann eine erste sowjetische Deportationswelle, noch vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion.
  • Die deutsche Besatzung begann im Juni 1941 und dauerte bis 1944; in dieser Zeit verübte das NS-Regime mit Helfern den Holocaust in Litauen.
  • Nach der Rückkehr der sowjetischen Armee 1944 kämpften Partisanen bis 1953 gegen die erneute Besatzung.
  • Am 3. Juni 1988 wurde die Initiativgruppe der Reformbewegung Sąjūdis gewählt.
  • Am 23. August 1989 verband der Baltische Weg die baltischen Hauptstädte in einer rund 600 Kilometer langen Menschenkette.
  • Der Oberste Rat stellte am 11. März 1990 die Unabhängigkeit des Staates wieder her.
  • Bei der sowjetischen Gewalt in Vilnius am 13. Januar 1991 starben 14 unbewaffnete Menschen; fast 1.000 wurden verletzt. Am 17. September 1991 trat Litauen den Vereinten Nationen bei.

Besatzungswechsel und Verbrechen von 1940 bis 1944

Sowjetische Truppen besetzten Litauen am 15. Juni 1940. Der Staat verlor seine politische Selbstständigkeit; Behörden und Institutionen wurden in die sowjetische Ordnung überführt. Diese erste Phase der sowjetischen Besatzung dauerte bis zum deutschen Angriff im Juni 1941. Am 14. Juni 1941 begannen sowjetische Deportationen, die nach Darstellung des litauischen Zentrums für Genozid- und Widerstandsforschung auch darauf zielten, mögliche Gegner der Sowjetisierung zu treffen. Zu den Betroffenen gehörten Menschen aus dem öffentlichen Dienst und dem Bildungsleben sowie ihre Familien. Die Verschleppungen rissen Menschen aus ihrem Alltag und trennten Angehörige oft für lange Zeit.

Am 22. Juni 1941 griff das nationalsozialistische Deutschland die Sowjetunion an; deutsche Truppen besetzten Litauen. Die folgenden Jahre bis 1944 waren von deutscher Herrschaft, Terror und der systematischen Ermordung der jüdischen Bevölkerung geprägt. Das NS-Regime organisierte den Holocaust mit Unterstützung lokaler Helfer. Jüdische Gemeinden, die über Generationen das kulturelle und städtische Leben Litauens mitgestaltet hatten, wurden nahezu ausgelöscht. Die Internationale Kommission zur Bewertung der Verbrechen der nationalsozialistischen und sowjetischen Besatzungsregime untersucht diese Verfolgung getrennt von den sowjetischen Besatzungsverbrechen. Für Familiengeschichten, religiöses Leben und die lange jüdische Präsenz im Land führt der Beitrag zur jüdischen Geschichte in Litauen weiter.

Als sowjetische Truppen 1944 zurückkehrten, begann eine zweite sowjetische Besatzungsphase. Der Wechsel der Besatzungsmacht bedeutete für Litauen keine Rückkehr zu den unabhängigen Institutionen der Zwischenkriegszeit. Wer die Staatsentwicklung vor 1940 einordnen möchte, kann zunächst die Geschichte der ersten Republik Litauen nachlesen.

Partisanen, Deportationen und ziviler Widerstand

Nach 1944 kämpften bewaffnete litauische Partisanen gegen die sowjetische Herrschaft. Das litauische Zentrum für Genozid- und Widerstandsforschung ordnet den bewaffneten Widerstand in die Jahre 1944 bis 1953 ein. Der Widerstand bestand nicht aus einer einzigen Schlacht, sondern aus regional organisierten Gruppen, ihren Unterstützungsnetzen und dem politischen Ziel, die unabhängige Staatlichkeit wiederherzustellen. Die sowjetischen Behörden gingen mit Verhaftungen und Deportationen gegen tatsächliche und vermutete Gegner vor; viele Familien waren von Repression und Verlust betroffen.

Widerstand beschränkte sich nicht auf den bewaffneten Kampf. Menschen bewahrten religiöse und kulturelle Traditionen, verbreiteten verbotene Nachrichten und dokumentierten Eingriffe des Staates. Geistliche, Dissidenten und Bürgerrechtsgruppen widersprachen der staatlichen Kontrolle auf unterschiedlichen Wegen. Untergrundpublikationen machten Informationen über Verhaftungen und Einschränkungen außerhalb Litauens bekannt. Diese Formen waren nicht gefahrlos und hatten nicht alle dieselben Ziele, gehörten aber zu einer Gesellschaft, in der die Forderung nach Selbstbestimmung fortbestand.

Die lange Erfahrung wechselnder Fremdherrschaft hatte ältere Wurzeln: Auf die sowjetische Besetzung folgten im historischen Rückblick die Zeit des Russischen Reiches in Litauen und zuvor die politische Verbindung in der Union von Lublin. Die frühen Formen litauischer Staatlichkeit und die Entwicklung Vilnius’ werden in den Beiträgen zu Mindaugas und Gediminas und Vilnius erklärt. Diese Vorgeschichte macht verständlich, weshalb die Wiederherstellung 1990 als Rückkehr eines Staates und nicht als dessen erstmalige Gründung verstanden wurde.

Anzeige

Sąjūdis und der Baltische Weg

In den späten 1980er-Jahren wuchs der öffentliche Protest gegen die sowjetische Herrschaft. Am 3. Juni 1988 wählten Menschen in Vilnius die Initiativgruppe der Reformbewegung Sąjūdis; im Oktober folgte ihr Gründungskongress. Die Bewegung verband Forderungen nach politischer Selbstbestimmung mit kultureller Erneuerung und öffentlicher Debatte. Auch die Versammlungen und die erneute Sichtbarkeit nationaler Symbole machten den Wunsch nach Unabhängigkeit im Alltag sichtbar.

Am 23. August 1989 bildeten Menschen aus Litauen, Lettland und Estland eine etwa 600 Kilometer lange, friedliche Menschenkette zwischen den Hauptstädten. Der Baltische Weg erinnerte an den fünfzigsten Jahrestag des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts und seines geheimen Zusatzprotokolls. Zugleich zeigte die Aktion, dass die Forderung nach Freiheit von einer breiten Bevölkerung getragen wurde. Die UNESCO führt dazu Dokumente und Bildmaterial in ihrem Register „Memory of the World“; das litauische Parlament dokumentiert den politischen Weg von Sąjūdis zur staatlichen Wiederherstellung.

Für Besucher lässt sich die Geschichte mit Orten in der Hauptstadt verbinden: Ein Überblick zu den Sehenswürdigkeiten in Vilnius hilft, die Schauplätze politischer Versammlungen und die Bedeutung des Stadtzentrums einzuordnen. Auch Kaunas’ historische Orte ergänzen das Bild, denn die Stadt war zuvor das politische Zentrum der unabhängigen Republik und blieb ein wichtiger Ort litauischer Kultur.

Die Wiederherstellung der Unabhängigkeit und der Januar 1991

Am 24. Februar 1990 fanden Wahlen zum Obersten Rat statt. Sie waren die ersten demokratischen Parlamentswahlen in Litauen unter Besatzungsbedingungen. Am 11. März beschloss das neu gewählte Parlament den Akt zur Wiederherstellung der unabhängigen Republik. Der Beschluss erklärte, dass die 1940 von fremden Mächten beseitigte Ausübung der staatlichen Souveränität wiederhergestellt werde. Den Weg zur Wiederherstellung der Unabhängigkeit beim litauischen Parlament erläutert eine offizielle Parlamentsseite. Die Entscheidung beendete die sowjetische Kontrolle nicht sofort: Moskau setzte Litauen wirtschaftlich und politisch unter Druck und zeigte weiterhin militärische Präsenz.

In der Nacht zum 13. Januar 1991 griffen sowjetische Truppen mit Panzern und Schusswaffen den Fernsehturm sowie das Gebäude des litauischen Rundfunks und Fernsehens in Vilnius an. Menschen hatten sich dort versammelt, um die Einrichtungen und den wiederhergestellten Staat zu schützen. Vierzehn unbewaffnete Verteidiger starben, fast 1.000 Menschen wurden verletzt. Das litauische Parlament beschreibt, wie die Entschlossenheit der Bevölkerung und der Widerstand des Obersten Rates die Wiederherstellung der Unabhängigkeit verteidigten. Die Ereignisse des Januars machten die Kosten der staatlichen Selbstbestimmung sichtbar, änderten aber den Parlamentsbeschluss nicht.

Am 17. September 1991 wurde Litauen Mitglied der Vereinten Nationen. Die Aufnahme markierte einen wichtigen Schritt in der internationalen Anerkennung des wiederhergestellten Staates. Sie schloss die Besatzungszeit nicht rückwirkend aus, gab Litauen aber eine Stimme in der internationalen Organisation. Für eine Reise durch die neuere Geschichte bieten sich Museen und Gedenkorte an; die Übersicht über Museen in Litauen hilft bei der Auswahl nach Region und Thema.

Häufige Fragen zu Besatzung, Widerstand und Unabhängigkeit

Wann begann die sowjetische Besetzung Litauens?

Sowjetische Truppen besetzten Litauen am 15. Juni 1940. Im folgenden Jahr begannen Deportationen; im Juni 1941 wechselte die Besatzungsmacht nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion.

Was geschah am 14. Juni 1941?

An diesem Tag begannen sowjetische Deportationen aus Litauen. Unter den Betroffenen waren Angehörige des öffentlichen Dienstes, des Bildungslebens und ihre Familien. Wenige Tage später begann die deutsche Besatzung.

Wie lange dauerte der bewaffnete Partisanenwiderstand?

Der bewaffnete antisowjetische Widerstand wird für den Zeitraum von 1944 bis 1953 beschrieben. Daneben gab es zivile, religiöse und kulturelle Formen des Widerspruchs, die nicht alle gleichzeitig endeten.

Was war der Baltische Weg?

Am 23. August 1989 bildeten Menschen aus Litauen, Lettland und Estland eine rund 600 Kilometer lange friedliche Menschenkette, um Freiheit und Selbstbestimmung zu fordern und an den deutsch-sowjetischen Pakt von 1939 zu erinnern.

Wann wurde Litauen wieder unabhängig?

Der Oberste Rat erklärte am 11. März 1990 die Wiederherstellung der unabhängigen Republik. Nach dem Angriff sowjetischer Truppen am 13. Januar 1991 wurde Litauen am 17. September 1991 in die Vereinten Nationen aufgenommen.